Nachtgedanken

geschrieben am 15. Februar 2010 um 11:35

Wieder mal bin ich lange wachgelegen, aus diversen Gründen (Sägewerk, Kindergarten).

Seit Wochen schlafen mir ja nachts die Hände ein – außerdem scheint mein Unterkiefer total verkrampft zu sein und das tut weh.

In Bad Bramstedt hatte ich gegen Ende noch Biofeedback und das war schon ziemlich interessant. In der ersten Einheit wurde theoretisch über Streß, seine Ursachen und Auswirkungen gesprochen. Klar, Streß kann auch positiv sein – wenn der Steinzeitmensch vor’m Säbelzahntiger stand, hatte er auch Streß…

Später dann wurde das persönliche Streßprofil gemessen, eben mittels Biofeedback. Hierbei werden die Anspannung der Nacken- und Kiefermuskulatur und der Feuchtigkeitsgrad der Haut am Mittelfinger elektronisch abgenommen und am Monitor sichtbar gemacht.

Während der Messung werden diverse Stressoren eingesetzt: man wird erschreckt, man soll Fragen beantworten (wie hieß denn noch mal der erste Mensch auf’m Mond? Louis Armstrong – äh, nee Lance… *schmunzel*) und man soll sich bewusst zwischendurch entspannen. Die Aufzeichnungen zeigen dann, ob man sich wirklich entspannen kann.

Herr V., der Therapeut, war sehr nett und wir haben viel gelacht. Mich hat interessiert, wie sich mein Querflötenspiel auf den Streßpegel auswirkt und ich fragte, ob wir das Profil mal erstellen können, während ich spiele. Herr V. fand das ebenfalls höchst interessant und so nahm ich zum nächsten Termin die Flöte mit.

Die Ergebnisse waren spannend: die Muskelspannung lag aufgrund der Bewegungen natürlich höher als im Ruhezustand, aber die Kurve ging immer gleichmäßig bergab. Zuerst kam immer eine Spitze, die im Zusammenhang steht mit dem „Lampenfieber“, der erhöhten Konzentration. Und je länger ich spielte, desto ruhiger wurde ich.

Wir testeten auch unterschiedliche Spielsituationen: spielte ich bekannte Sachen nach Gehör, gab es immer dann eine Spitze, wenn ich im Spiel das nächste Stück begann = kurz überlegen, neu konzentrieren. Anschließend improvisierte ich einfach drauflos und da ging die Kurve fast glatt nach unten, ohne zusätzliche Spitzen.

Bei meiner letzten Sitzung sprachen wir noch ein bissle über „nach Bramstedt“ und Herr V. war sich sicher, dass ich viel mitnehmen konnte. Zum Abschied umarmte er mich und das hat mich ziemlich berührt.

Als ich dann an meinem letzten Tag noch im Birkeneck, der Raucherecke vor der Klinik, stand und eine letzte Zigarette rauchte, bevor ich zur S-Bahn ging, kam er gerade zum Dienstbeginn. Ich bedankte mich noch mal bei ihm, verabschiedete mich – und wurde grad noch mal in den Arm genommen. Und das war so bezeichnend für die Zeit in Bramstedt: das herzliche, menschliche Miteinander – nicht nur zwischen den Patienten, auch zwischen Therapeuten und Patienten…

Ich erinnere mich oft und gern an die Zeit dort – trotz aller Arbeit und heftiger Situationen und Erfahrungen waren es 8 Wochen, die so *hm* unbeschwert waren. 8 Wochen, in denen ich einfach ICH war, nicht die Ehefrau, nicht die Mutter, nicht die Hausfrau, nicht die Angestellte oder die Lehrerin Chris – einfach nur ICH.

Wie gesagt: es war zum Teil sehr heftig, manche Therapiegespräche gingen verdammt tief rein und taten weh. Es war extrem hart, innerhalb von Minuten zu erfahren, dass Menschen, die mich nicht kennen, mal eben so hinter mühsam aufgebaute Mauern schauen und den Daumen genau auf die eigenen Probleme legen können. Es war heftig, durch die Mitpatienten mit sich selbst konfrontiert zu werden, immer wieder die eigene Geschichte in unzähligen Variationen präsentiert zu bekommen.

Sehr berührt hat mich auch die TAP – Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung, ein computergestützter Test. Er wurde zu Beginn meines Aufenthalts durchgeführt und noch mal zum Abschluss. Ich kam in einen kleinen, fensterlosen Raum, in dem nur ein kleiner Tisch mit deinem Stuhl davor stand. Auf dem Tisch befand sich ein einfacher PC, dazu Tastatur und ein Drücker inform eines Klingelknopfes. Der Monitor war ein einfacher s/w-Bildschirm mit der Grafik eines C64 😉

Es gibt mehrere Untertests. Im ersten muss man auf das Erscheinen eines Symbols reagieren, das in unterschiedlichen Zeitabständen auftaucht. Die zweite Runde läuft genauso, nur wird das Erscheinen noch durch ein akustisches Signal angekündigt. Der 3. Test zeigt vorab 3 einfache grafische Muster, die in der Folge vorkommen können. Im Testabschnitt selbst erscheinen verschiedene Variationen dieser Muster und man muss möglichst schnell auf die zuvor gezeigten Muster reagieren. Und danach kommt dann der Hammertest 8)

Auf dem Bildschirm Marke Mäusekino (höchstens 13″ Diagonale, weiß auf schwarzem Hintergrund) erscheint in der Mitte ein waagrechter weißer Balken, der sich auf und ab bewegt. Der Ausschlag ist normalerweise gleich hoch, aber das Intervall ist unterschiedlich. Ab und zu schlägt das Zeichen weiter nach oben aus und darauf muss man reagieren. An sich nicht schlimm – nur: der Tester erklärt und startet den Test, verlässt danach für 30 Minuten den Raum.

30 Minuten – oha… – erst mal dachte ich: ok, kein Ding. Nach gefühlten 20 Minuten schaute ich auf die Uhr: keine 5 Minuten rum… ich wechselte ständig meine Position: Bein überschlagen, Bein wieder runter, Kopf in die Hand gestützt, Kopf in die andere Hand, zurücklehnen und den Knopf in die Hand nehmen, Knopf wieder auf den Tisch usw.

Der Blick zur Uhr: gute 7 Minuten – langsam wurde ich rappelig. Ich schaute mich um, suchte die versteckte Kamera – nix. Von den Mitpatienten wusste ich, dass manche einschliefen, andere markierten sich den Bildschirm oder schalteten komplett ab (sich, nicht den Monitor 😉 ). Ich fing an, das Programm meines letzten Konzertes zu pfeifen – ich hab 25 Minuten lang pfeifend in diesem Raum gesessen und fühlte mich so aggressiv wie noch nie zuvor. Den Therapeuten, der diesen Test durchführte, fragte ich beim Rausgehen, ob ihn schon mal jemand tätlich angegriffen hätte 😉 – ich hätte wirklich auf irgendwas einprügeln können, so angespannt war ich.

Entsprechend angespannt war ich vor der Wiederholung des Testes zum Abschluss meines Aufenthaltes. Inzwischen bekam ich auch MPH und die Testwiederholung sollte zeigen, ob die Aufmerksamkeitsspanne sich unter Medikation verbessert hat.

Tja, was soll ich sagen? Der gefürchtete Test war „halbe Lunge“. Bei den ersten Tests wird nach jedem Symbol kurz eine Zahl eingeblendet, zum Beispiel 0027/1000 – ich hatte recht schnell raus, dass das die Reaktionszeit in Millisekunden sein muss. Ich konnte meinem Bezugstherapeuten anschließend bei der Auswertung die ungefähre Durchschnittszeit mit den Maximalabweichungen nennen 😉 (ok, das hat ihn dann wieder sehr verblüfft). Die 30 Minuten allein waren total entspannt. Ich saß relativ ruhig da, machte den Test und war zwar froh, als Herr P. reinkam, hätte aber auch noch weitermachen können. Die Auswertung ergab eine Perzentile von über 90 %, in Bezug auf gesunde gleichaltrige Frauen… Ein typisches „Aufmerksamkeitsloch“ nach ca. 15 Minuten war da, aber das hab ich offensichtlich schnell korrigiert.

… ok, Break!

Ich möchte nach und nach meine Erinnerungen an diese Zeit aufschreiben, aber für heute soll’s reichen. Eigentlich wollte ich doch nur über das Biofeedback schreiben, weil mir der Kiefer so weh tut…

Ich nehm‘ mir jetzt mal meine Unterlagen und such die Übungen raus, mit denen ich die Muskulatur lockern kann *hoff*

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